Es gibt doch nichts Schöneres, als den neuen Tag mit ein wenig Musik zu beginnen. Nachdem ich mich aus dem Hotelbett gequält, die kalte Dusche überlebt und mein Gegenüber im Spiegel als mir meist wohlgesonnenes Lebewesen identifiziert habe, ist es mir endlich möglich, den Weg zum Frühstücksraum anzutreten. Dort angekommen, nehme ich nach einer kurzen Suche einen Fensterplatz ein, um mich direkt anschließend zum Buffet aufzumachen. Gerade, als ich mich freue, dass ich der Nacht entronnen bin und die unterschiedlichen Müslisorten klar erkennen kann, ertönt neben mir Mozarts "Kleine Nachtmusik". Zum Glück wird diese unrühmliche Aufführung des mit der Interpretation völlig überforderten Soundchips durch den Handy-Besitzer schon nach wenigen Takten abgewürgt.
"Hallo? ... Ich bin schon beim Frühstück... Kommst Du runter? ... Bis gleich!"
Suchte da jetzt die Frau ihren Mann, die Geliebte ihren Schwarm oder die Sekretärin ihren Chef? Egal, ich habe Hunger und beginne zu essen. Da vernehme ich, vorgetragen durch ein wohl auch noch müdes Handy, eine von Bachs Inventionen. Glücklicherweise bereitet der Besitzer dem "Ohrenschmaus" ein schnelles Ende und entbindet das Gerät vorerst von weiteren Aufführungen. Für mich ist es Zeit, sich einem Brötchen zu widmen. Allerdings wird dieser Genuss schon bald durch ein weiteres, sich meldendes Handy gestört. Hier scheint der Besitzer wohl selbst künstlerisch tätig geworden zu sein, zumindest meint er. Das zum besten gegebene Stück ist mir nämlich unbekannt und zudem erweckt es nicht den Anschein, als würde es ein Geniestreich sein. Aber man kann sich (noch) nicht gegen diese akustischen Übergriffe schützen.
Bei so einem "musikalischem" Frühstück denkt man gerne an die guten alten Zeiten zurück, als noch das Gedudel von Band oder CD kam und die Komponisten und Interpreten etwas ausgewählter waren. Aber stellen Sie sich mal die Zukunft vor, wenn es mobile Bildtelefone gibt und Sie beim Frühstück im halbwachen Zustand von Fremden angeglotzt werden...