Kulturgenuss

Hach, es gibt nichts Schöneres als manchmal einfach nur in einer Konzerthalle zu sitzen und den klanglichen Hochgenüssen zu lauschen. Gerade, wenn das Orchester nach seinem fulminanten Auftakt zu den leiseren Passagen ansetzt, beginnt für den Kenner der eigentliche Genuss. Schräg hinter einem lässt sich das leise "Flüstern" der beiden Freundinnen hören, die ihr Gespräch über ihre Nachbarn, den Frisör und die Neue des Herrn Müller wieder aufgenommen haben. Nach den bösen Blicken zahlreicher anderer Genießer wird es still und man hat die Möglichkeit, das leise Knarzen des Fußbodens zu vernehmen. Alle, die sich nun ruckartig und geräuschvoll umdrehen, sehen die verspätet Eintreffenden, die nun noch hastiger versuchen, ihre Notsitze anzustreben.

Das Orchester scheint sich weiter abzumühen. Mal forte, mal piano, dann mit einem crescendo einem lokalen dramatischem Höhepunkt zustrebend werden die ihm vom Komponisten aufgedrückten Passagen abgearbeitet. Endlich wird die alles entscheidende Generalpause des ersten Satzes erreicht, der Klettverschluss einer Fototasche ist zu hören. Das Orchester setzt zu einem Tutti-Lauf über mehrere Oktaven an, die Spannung steigt. Es blitzt, der Moment scheint im Kasten der überforderten Kleinbildkamera festgehalten zu sein, sicherlich aber unterbelichtet. Aber auch der Besitzer scheint überfordert zu sein. Hinein in das nun einsetzende dolce des Orchesters ist der hochfrequente Motor der Kamera beim Versuch zu vernehmen, den nun vollen Film zurückzuspulen. Der Besitzer ist bemüht, erst die Kamera, dann sich zu verbergen. Aber Kameras, insbesondere kleine Kameras, können sehr gemein und lautstark sein. Als endlich der offentsichtliche 36-er Kleinbildfilm seinen Weg in die Dose gefunden hat, strebt auch schon das Orchester mit vereinten Kräften in einem tutti das Ende des ersten Satzes an. Geschafft, der Schlussakkord!

Vereinzeltes Klatschen ist zu hören, das aber sofort durch die finsteren Blicke der wahren Kunstkenner abgetötet wird. Als es wieder still ist, können die Musiker den zweiten und vermutlich leiseren Satz anstimmen. Doch schon nach wenigen Augenblicken zeigt sich ein Kulturfreund von seiner unrhythmischen Seite. Völlig gegen den beschwingten Takt und deutlich dominierender als die sanft säuselnde Musik scheint ein junger Mann seinen Husten ausleben zu müssen. Kenner husten mit dem Takt in tutti-Passagen. Also sowas. Nach einer endlos erscheinenden Zeitdauer wird das Orchester lauter und der vom Husten Geplagte hat nach einem crescendo geendet.

Sinfonien gehen über mehrere Sätze. Sinfonien gehen ans Gemüt. Sinfonien gehen über einen längeren Zeitraum. Sinfonien ziehen sich manchmal ziemlich. Kinder, vor allem kleine Kinder, sind berechenbar. Eltern dagegen aber nicht. So ist es zwar verwunderlich, dass ein Kleinkind unter den Zuschauern ist, dagegen aber nicht, dass es nach ca. 40 Minuten des stillen Dasitzens und Abwartens unruhig wird. Unruhig werden auch die Eltern. Während alle Genießer auf das Ende der musikalischen Darbietung warten, warten die Eltern auf die Ruhephase ihres immer noch quengelnden Sprösslings.

Nach gut 50 Minuten endet der kurzweilige und abwechslungsreiche Kulturgenuss. Gleich werde ich noch nachschauen, welche Sinfonie eigentlich vorne auf der Bühne dargeboten wurde. Das Beiprogramm war in jedem Fall gut. Ein Handy hat leider nicht geklingelt. Sonst wäre der Genuss noch größer gewesen. Vielleicht aber beim nächsten Mal wieder. Warten wir es ab...

11.05.2000
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